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Alpen-Mannstreu - Die Königin der Alpenblumen


Wer im Juli bis September Bergwanderungen besonders im Plöckengebiet der Karnischen Alpen Kärntens unternimmt, wird dort in einer Höhe von etwa 1.500 bis 2.500 m die selten gewordene Alpen-Mannstreu (Mannstreu-Distel, Anhakn, lateinisch Eryngium alpinum) in ihrer einmaligen Pracht und Schönheit bestaunen können.


Ein Pflanzenportait von Eitel-Friedrich Scholz

Diese zu den Doldenblütlern zählende 40 cm bis 1,40 m hoch werdende Pflanze war einst von den Seealpen über die Südalpen und Karawanken bis zu den Illyrischen Gebirgen und von den Nord- und Zentralalpen bis Graubünden in der Schweiz, Liechtenstein und dem Französischen Hochjura verbreitet. Besonders im Oberen Gail- und Lesachtal fand man die Alpen-Mannstreu einst noch sehr häufig. Man konnte sich dort am Hochstadl ob Liesing und St. Lorenzen bis an die Tiroler Grenze, auf der Mussen oberhalb von Kötschach, auf der Mauthner Alm und dem Valentinboden, um den Cellon am Plöckenpaß und auf der Rattendorfer Alm ihrer erfreuen.

Die Alpen-Mannstreu wächst vornehmlich auf felsigen Hochweiden und in Hochstaudenfluren auf Kalkboden.

Der wunderschönen, bizarren Alpenpflanze, in den französischen Alpen "reine des alpes" = Königin der Alpen, im Italienischen "Calcatrepolo alpino" genannt, wurde und wird auch heute leider in gleicher Weise nachgestellt wie anderen seltenen Alpenpflanzen und der nächsten Verwandten der Alpen-Mannstreu, der Stranddistel (Seemannstreu). Deshalb ist Eryngium alpinum an manchen Standorten verschwunden. Die Alpen-Mannstreu ist deshalb durch gesetzliche Verordnungen streng naturgeschützt.


Mannstreu - ein legendenumwobener Pflanzenname

Die griechische Bezeichnung der Pflanze "eryngion" (lateinisch eryngium) geht bis in die Antike zurück. Man findet den Pflanzenname bereits bei Nikandros, bei Theophrastos im 4. Jhdt. v. Chr.. Der Name "eryngion" soll wohl "Ziegenbart " bedeuten, weil die verzweigten Wurzelfasern der Pflanze ein bartähnliches Gebilde darstellen. Eine andere Deutung des Pflanzennamens wird von Dioskorides (1. Jhdt. n. Chr.) angeführt: "eryngano" bedeutet bei ihm - auf eine Abbildung im Codex Constantinopolitanus bezogen - "ich rülpse, erbreche mich", weil die Pflanze als Heilmittel gegen Blähungen, Magen- und Darmerkrankungen diente. Vermutlich bezog sich diese Deutung aber auf das Seemannstreu, die Stranddistel, die auch an den Mittelmeerküsten heimisch ist.

Plinius der Ältere (23 - 79 n. Chr.) beschreibt in seiner berühmten Hist. nat. XXII, 7, 8, 20 ein "eryngion", von ihm auch "centum capita - die Hundertköpfige" genannt, deren Wurzeln je nach äußerer Gestalt männlich oder weiblich seien. Er sprach der Pflanze (aus heutiger Sicht vermutlich der FeldMannstreu) eine aphrodisische Wirkung als "Liebesmittel" zu: Männer, welche eine männliche Wurzel der Mannstreu bei sich trügen, seien den Frauen besonders geneigt und würden eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht ausüben. Der berühmte Botaniker Otto Brunfels übersetzte diese Plinius-Aussage in seinem vielbeachteten Kräuterbuch von 1532 "... Welcher mann solich wurtzel bey ym tregt, die ein männlein ist, machet yn holdselig gegen den frawen"...

Der Legende nach soll auch der junge griechische Fischer Phaon eine "männliche" Wurzel des "eryngion" bei sich getragen haben, so daß die schöne Dichterin Sappho (ca. 600 v. Chr.) sich unsterblich in ihn verliebte. Als er aber ihre Neigung nicht erwiderte, soll sie sich in das Meer gestürzt haben. Die Mannstreu galt über Jahrhunderte hinweg als Aphrodisiakum (Liebesmittel).

Der deutsche Name Mannstreu wird um das Jahr 1500 n. Chr. zum ersten Male von dem Straßburger Wundarzt Hieronymus Brunschwyg angeführt. Hier sei erwähnt, daß dem Namen "Mannstreu" eventuell auch ein ironischer Sinn wegen des "Hin- und Herlaufens" der Fruchtstände zugemessen wurde.

Exakt beschrieben und bezeichnet hat die Alpen-Mannstreu als Edeldistel erst im Jahre 1561 der Berner Botanik-Professor Aretius. Er fand die Pflanze am Thurner See auf dem Niesen und nannte sie auch "Dornchrut und Mattscharte".


Alpen-Mannstreu - ein Doldenblütler

Als ausdauernde, bis über einen halben Meter hoch werdende Doldenblütler (Umbelliferen) bilden die Pflanzen auf ihren aufrechten, dicken, gerillten Stengeln eine endständige Trugdolde aus. Sie ist meist 3 - 4-strahlig, die Strahlen sind einfach oder abermals dreigabelig verästelt. Die grundständigen Blätter sind lang-gestielt, ungeteilt, dreieckig-eiförmig, am Grunde tief herzförmig, vorn spitz, am Rande ungleich gesägt-gekerbt. Die Stengelblätter sind kürzer gestielt, rundlich, an der Spitze oft dreilappig, oben bis fünflappig mit gesägten Abschnitten. Die kugeligen oder bis ca. 4 cm langen, walzenförmigen Blütenköpfe (Blütensprossen) sind gelblich, dann blau, die 12 bis 18 doppelfiedrigen Hüllblätter mit ihren lang begrannten Abschnitten amethystfarben überlaufen.


Zur Ökologie der Hochgebirgspflanze

Die großen blauen Blütenköpfe und die bizarren amethystblauen Hüllblätter mit ihren feinen aufwärts gerichteten Abschnitten dienen dem Anlocken der Insekten. Die auffällige blaue, amethystähnliche Farbe der oberen Stengelteile und des gesamten Blütenstandes stehen wohl auch im Dienste der Fremdbestäubung (Kreuzbestäubung), auf welche die Pflanze zur Fruchtbildung angewiesen ist. Die feingezackten Hüllenblätter öffnen sich mit dem Sonnenaufgang und schließen sich bei Sonnenuntergang und bei kühler Witterung. Nach Knuth sollen die "dornigen" Hüllblätter und die starren, spitzen Spreu- und Kelchblätter außerdem Raupen und Schnecken von den Blütenblättern fernhalten.


Berühmte Verwandte

Die Pflanzengattung "Eryngium" = Mannstreu, Männertreu, ist mit ihren ca. 220 weltweit verbreiteten Arten wohl die vielgestaltigste und artenreichste Familie der Doldenblütler. In Europa wachsen 26 Arten, die bei uns vorkommenden bedeutendsten Vertreter sind:

Alpen-Mannstreu (Eryngium alpinum)

Sie ist eine westalpine Hochgebirgspflanze.

In alter Literatur wird davon berichtet, daß Frauen ihren Männern die stacheligen Mannstreu-Disteln unter das Bettuch zu legen pflegten, um sie vom Schlafe abzuhalten, damit sie sich ihrer mehr widmen sollten. Wegen dieser Sitte und auch weil die Pflanze die Farbe ihrer Blüten und Hüllblätter nicht verliert und nicht welkt, legt der Volksmund der Pflanze den Namen Mannstreu oder Männertreu bei. Wahrscheinlich bezieht sich diese Aussage auch auf die Feld-Mannstreu.

Feld-Mannstreu, Männertreu, Donnerdistel, Unruh, (Eryngium campestre).

Diese südeuropäisch-pontische Wanderpflanze ist vom Mittelmeergebiet bis hin zum norddeutschen Flachland und zum mittleren Rußland verbreitet. Die Germanen hatten diese Männertreu, die Donnerdistel, dem Gott Donar geweiht. Sie hingen die Pflanze in ihren Behausungen als Schutz vor dem Blitz auf. Viel später wurden die Donnerdisteln, in Niederösterreich auch Donadisteln genannt, auch an Fäden an der Stubendecke aufgehängt. Die sich in der aufsteigenden Wärme drehenden spitz gezackten Disteln sollten Unholde abhalten, vor Hexen und bösen Geistern schützen, aber auch Fliegen und lästige Insekten abwehren oder gar aufspießen.

Stahlblaue Mannstreu (Eryngium amethystinum)

Die mediterrane, Felsgeröll und Kalkfelsen liebende Pflanze wächst u.a. auch im Etschtal Südtirols, im Kanaltal und dem südlichen Teil Österreichs (aus Italien eingewandert).

Flachblättrige Mannstreu (Eryngium planum)

Diese südrussische, vorderasiatische Stromtalpflanze wächst in trockenen Flußniederungen und auf Steppenwiesen. Man findet sie auch noch in Niederösterreich.

Seestrand-Mannstreu, Seemannstreu, Stranddistel, Blaue Dünendistel (Eryngium maritimum).

Diese wunderschöne Mannstreu-Art, die Zierde der Dünen an den Meeresküsten (auch der ehemaligen österreichischen Küstenländer), ist eine mediterrane-atlantische Pflanze.

Ihr tiefreichendes, verzweigtes Wurzelwerk trägt enorm zur Befestigung des lockeren Dünensandes bei. Ihr wachsähnlicher Überzug schützt sie vor extremen Lebensbedingungen an den Meeresküsten. Diese schöne Pflanze ist ebenfalls strengstens naturgeschützt.

Von den hier angeführten Mannstreu-Arten wurden in früheren Zeiten vor allem die Feld-Mannstreu, die Seestrand-Mannstreu und die flachblättrige Mannstreu in der Volksmedizin, aber auch als Nahrungsmittel (Wildgemüse) genutzt. Die Seemannstreu lieferte einst nicht nur magenstärkende Arznei "Radix Eryngii", die Blätter wurden auch als "Spinat", die jungen Wurzelsprosse als "Spargel" gegessen. In England und Frankreich wurden die Wurzeln der Feld-Mannstreu sogar kandiert gegessen. Der Zuckergehalt der Wurzeln soll dem der Zuckerrüben nur wenig nachstehen.


Vom Gebirge in den botanischen Garten

Die seltene Alpen-Mannstreu erregte wegen ihrer bizarren Schönheit so viel Aufsehen, daß man schon sehr früh versuchte, sie auch im Flachland zu kultivieren. In Deutschland begann man mit diesen Versuchen bereits 1560 mit bescheidenem Erfolg. Die Samen der Pflanze keimen sehr langsam und nur im Dunkeln (Dunkelkeimer). Zur Zeit Ludwig XIV wurden Mannstreu-Arten auch in Schlesien als Zier- und Nutzpflanzen gezüchtet. Gegen Ende des 16. Jhdts. blühten die Alpen-Mannstreu und auch andere Mannstreu-Arten im fürstbischöflichen botanischen Garten zu Eichstätt in Bayern.

Eryngium alpinum, aber auch südamerikanische Mannstreu-Arten und Bastarde werden heute als sogenannte "Edeldisteln" vielerorts kultiviert und in Blumengeschäften und Gärtnereien zu ornamentalen Trockenbuketts oder zu Kränzen gebunden, angeboten. Abkömmlinge der Alpen-Mannstreu finden sich heute in Gärten, Parkanlagen und auf Friedhöfen, so z.B. auch auf dem Soldatenfriedhof-Kreuztratte an der Plöckenstraße. Heutzutage werden besonders Formen mit abnorm verlängerten, fein gefiederten, stark blauen Hüllenblättern, so z.B. Eryngium alpinum, var. luxurians, gezogen und angepflanzt. Inzwischen gibt es auch eine Reihe von schönen Pflanzenbastarden zwischen der Alpen-Mannstreu und anderen Mannstreu-Arten, u.a. auch eine Kreuzung zwischen Eryngium alpinum und der durch ihre wunderbare Amethystfärbung auffallende Pyrenäen-Mannstreu (Eryngium Bourgatii). Diese Züchtungs- und Kulturerfolge tragen hoffentlich dazu bei, daß die streng geschützte Wildform der Alpen-Mannstreu, der Königin der Alpenblumen, an ihren natürlichen Standorten erhalten bleibt, ja sich wieder verbreiten kann.

Literatur:

Hegi, Flora Mitteleuropas, 1926/ 1965;

Kohlhaupt, Alpenblumen, 1967;

Pieper, Volksbotanik, 1897

Verfasser dieses Botanik- Beitrages:

Eitel-Friedrich SCHOLZ

St. Daniel 18; A-9635 Dellach/Gail

 

Foto: Sepp Lederer