n w    w w w w

banner
Sie befinden sich gerade auf :   Start Naturschutz Pflanzenporträts Schneerose
large small default
Schneerose PDF Drucken E-Mail

HELLEBORUS - ”heiligen christwurtz”


Die Schneerose (Helleborus niger), auch Christrose oder Schwarze Nieswurz genannt, war bereits im Altertum eine hochberühmte Pflanze. Sie spielte nicht nur in der Heilkunde, sondern auch in der Kunst der religiösen Wahr- und Weissagung (Mantik), der Deutung außerordentlicher Naturerscheinungen und Visionen eine bedeutende Rolle.

Ein Pflanzenportrait von Eitel-Friedrich Scholz

Ein Blumenmärchen
erzählt Mantegazza über die Entstehung der Schneerose:
"lm neolithischen Zeitalter lebte ein starker, tapferer Mann, Tristan mit Namen; sein Weib hieß Eva, sein Freund, dem er das größte Vertrauen schenkte, Tor. Von beiden wurde er verraten. Im ersten Zorn wollte er den Schuldigen töten, dann aber überlegte er, ein plötzlicher Tod sei keine Strafe - mögen sie leben, ihr Gewissen werde sie genug strafen. Die Nachbarn freilich nannten Tristan einen wahnsinnigen Narren, er aber kümmerte sich nicht darum, sondern ging ruhig seines Weges. Sein Herz freilich war von dem schrecklichen Augenblicke an, wo er den doppelten Betrug merkte, tot und kalt wie Eis. Nichts machte dem Ärmsten mehr Freude; kein Kampf, keine Jagd, die er früher so sehr liebte, konnten irgend einen Reiz auf ihn ausüben. Am wohlsten befand er sich mitten in den Bergen, dort konnte er stundenlang sitzen und dem Spiele zwischen Wind und Schnee zusehen. Eines Tages, als er wieder in das Gebirge gegangen war, kehrte er nicht mehr heim. Die Nachbarn suchten ihn, fanden ihn aber nicht. Erst als im Frühjahr Schnee und Eis schmolzen, entdeckte man den Körper des Unglücklichen; er war umwachsen von einer bis dahin unbekannten Pflanze - der ”Schneerose".

Aus einer Legende
Berühmt wurde auch die "Legende von der Christrose", die die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf 1908 schrieb. In anschaulicher Weise schilderte sie die Begegnung eines Abtes in seinem wundersamen Klostergarten mit einer dort eingedrungenen Räubermutter, die als Ausgestoßene der Gesellschaft mit ihren Kindern in einem Wald hauste.

Die Räubermutter erzählte dem auf seinen Garten so stolzen Abt von einem noch viel schöneren Lustgarten im Göinger Wald, der sich in jeder Christnacht in einen Lustgarten verwandelte und in ein Feiertagskleid hüllte, um die Geburtsstunde des Herrn und Heilandes zu feiern. Auf sein dringendes Bitten hin durfte Abt Johannes, der sich für die Räubermutter und ihre Kinder beim Bischof verwenden wollte, zur Weihnachtszeit in die Räuberhöhle im Räuberwald kommen, um den besagten Lustgarten zu schauen. Erzbischof Absalon knüpfte jedoch eine Bedingung an die Erfüllung des Wunsches von Abt Johannes, daß die Räubermutter die Gnade der Menschen erfahren dürfe: "...an welchem Tage immer du mir eine Blume aus dem Weihnachtsgarten des Göinger Waldes schickst, will ich dir einen Freibrief für alle Friedlosen geben, für die du bitten magst."Auf der Suche nach dieser besonderen Blume, die er dem Bischof Absalon versprochen hatte, blieb er tot auf der Schneedecke liegen. Als man ihn ins Kloster getragen hatte, fand ein Laienbruder in seiner toten Hand ein paar weiße Wurzelknollen. Diese pflanzte er auf das Grab in dem Garten des Abts, wartete aber vergebens im Frühjahr und im Sommer darauf, daß daraus eine Blume erblühe. Als aber der nächste Weihnachtsabend kam, ging er hinaus in des Abtes Garten, um seiner zu gedenken und da sah er auf dem Grab die üppigen grünen Stengel, die schöne Blumen mit silberweißen Blüten trugen. Die Legende Selma Lagerlöfs schließt: "Man hat sie Christrose genannt; und jedes Jahr Iäßt sie ihre schneeweißen BIüten und ihre grünen Stengel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als könnte sie nie und nimmer vergessen, daß sie einmal in dem großen Weihnachtslustgarten gestanden hat. Die Räuberfamilie erhielt indes ein Pergament mit des Bischofs Siegel: "Fortab sollst du mit deinen Kindern im Weihnachtsstroh spielen, und das Christfest unter Menschen feiern, wie es der Wunsch des Abtes Johannes war.“

Helleborus - Schneerose oder Germer?

Den Namen Helleborus leiten einige Altphilologen von dem hebräischen Wort helibar = "Was einen Ungesunden oder Wahnsinnigen reinigt", ab. Der griechische Naturforscher Theophrast von Eresos auf Lesbos (371 bis 287 v. Chr.) und der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) berichten, daß der berühmte mythische Seher Melampos die Töchter des Königs Proitos von Tiryns vom Wahnsinn und der Raserei geheilt habe, indem er ihnen Milch von Ziegen einflößte, die Schwarze Nieswurz gefressen hatten. Auch Herakles soll durch die Einnahme der Schwarzen Nieswurz von einem Wahnsinnsanfall geheilt worden sein. Man gab damals Geisteskranken die Pflanze direkt ein oder man setzte ihnen Milch von Ziegen vor, die mit dieser "Anti-Wahnsinnsdroge" gefüttert waren. Theophrast bezieht den Pflanzennamen auf die Wortzusammensetzung "helo = bin tödlich" und "bora = Nahrung, Speise", also "eine tödliche Nahrung". Amatus Lusitanus dagegen bringt den Pflanzennamen mit dem Namen des Flusses Helleborus in Anticyra in Zusammenhang. Die Hippokratiker verstanden unter Helleborus sowohl die Wurzelstöcke (Rhizome) der Schwarzen Nieswurz, vermutlich der in Griechenland heimischen Art Helleborus cyclophyllus, als auch die Alpenpflanze "Weiße Nieswurz", auch "Weißer Germer", Veratrum album, genannt. Für die Schwarze Nieswurz kannte man damals im alten Griechenland viele Namen: Polyrrhizon, Proition, Melanorrhizon, letzterer nach Melampos benannt. Wahrscheinlich bezog sich der Name Helleborus auf alle in Griechenland und in Kleinasien wachsenden Helleborus-Arten. Welche Pflanzenart aber (Schneerose oder Germer) unter der Bezeichnung Helleborus nun wirklich gemeint war, ist heute mit Sicherheit nicht mehr genau feststellbar. Der Namen-Wirrwar setzte sich bis ins 16. Jahrhundert hinein fort. Die berühmten Botaniker Otto Brunfels und Hieronymus Bock (15.-16. Jhdt.) erklärten die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis) für die Schwarze Nieswurz der alten Griechen. Leonhard Fuchs, Arzt und Botaniker (1501 bis 1566), nannte die Pflanze "Falsche Nieswurz". Da die meisten im ausgehenden Mittelalter in Herbare aufgenommenen Nieswurzpflanzen aus der Steiermark stammten, gab ihnen der Kurpfälzische Leibarzt zu Heidelberg Jacobus, Theodorus Tabernae-montanus in seinem "New Kreuterbuch" (1588) wiederum den Namen "Veratrum nigrum stiriacum" = Steirischer Germer. Der niederländische Botaniker Clusius (Charles de I~Ecluse, 1526 bis 1609) vertrat jedoch die Ansicht, daß die antike Helleborus mit unserer Heileborus niger identisch sei. Diese Ansicht setzte sich dann letztlich bis heute durch.

Helleborus eine Legendäre Heilpflanze der Antike

Schon seit mehr als 2000 Jahren haben die Helleborus-Arten, vor allem die Schwarze und die Grüne Nieswurz in der Volksmedizin eine große Bedeutung. In seiner berühmten "Historia plantarum" (Naturgeschichte der Gewächse) berichtet uns Theophrast, daß der Schwarze Helleborus in Böotien und Enböa, der meiste und beste für die Arzneibereitung auf dem Oeta an der Brandstätte des Herkules wachse. Auch der Parnass in Anticyra und der Helikon werden als Verbreitungsorte der Pflanze angegeben. In alter Literatur wird davon berichtet, daß aus den getrockneten und anschließend pulverisierten Wurzelstöcken der bei verschiedenen Zeremonieen und Gebeten gesammelten Schwarzen Nieswurz ein Heilmittel hergestellt worden sei. Viele Gelehrte des Altertums sollen dieses Medikament eingenommen haben, um scharfsinnig denken zu können. Der berühmte griechische Arzt Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) kannte bereits die Wirkung der Schwarzen Nieswurz als Droge, innerlich angewendet gegen "Blödsinn und Geisteskrankheiten", gegen die Fallsucht (Epilepsie), als Purgiermittel (Brech- und Abführmittel), äußerlich angewendet als Salbe oder Einreibemittel (kleingestoßene Wurzeln in Branntwein eingelegt) gegen Ungeziefer beim Menschen (Kopf und Filzläuse). Plinius gibt an, daß das Nieswurz-Pulver auch das Niesen errege (Nieswurz!), den Schlaf herbeiführen, Lähmungen, Wassersucht, Podagra (Gicht) heilen, Gallensaft und Schleim abführen, ja, sogar die "Schleimkrankheiten" bei Pferden, Rindern und Schafen heilen solle. Seinen Werken entnehmen wir auch, daß man mit den BIättern der Pflanze Häuser gegen Ungeziefer ausräucherte, daß man das mit Weihrauch und Pech gemischte Wurzelpulver als Mittel gegen die Räude verwendete. Plinius empfahl auch, Helleboruspflanzen zwischen die Weinstöcke zu pflanzen oder eine Handvoll Samen hineinzustreuen, damit der Wein purgierende (innerlich reinigende, abführende, verdauungsfördernde) Eigenschaften erhalte. Die Gallier sollen sogar ihre Jagdpfeile mit einem Helleborus-Mittel bestrichen haben, damit das erlegte Wildpret schmackhafter und verdaulicher werde.

Nieswurzarten auch bei uns alte Heilpflanzen

Auch unsere Vorfahren im deutschen Sprachraum hielten die Helleborus-Arten für heilkräftig. Die Schwarze Nieswurz der alten Griechen nannten sie "Hammerwurz" (Die Grundachse der Pflanze sitzt am Stengel schräg, wie der Hammer am Stiel). Sie glaubten, demjenigen, der die Pflanze bei sich trüge, sollte sie ein langes Leben geben, böse Geister bannen und die Pest vertreiben. Sie sollte auch verlobte Paare vor bösen Einflüssen bewahren. Wenn man dazu eine Schneerose ausgraben wollte, mußte man - nach altem Glauben - morgens ein Glas Wein trinken und viel Knoblauch essen, um nicht während des Ausgrabens Kopfschmerzen zu bekommen. Nach diesem "Frühstück" mußte man sich dann zu der Pflanze begeben, sie mit einem Kreise umziehen, gegen Morgen (Osten) gewandt ein Gebet sprechen und die Pflanze ausgraben. Zeigte sich während dieser Arbeit ein Adler am Himmel, so starb der Pflanzengräber im Laufe des Jahres.

Im 11. Jahrhundert nahmen Hildegard von Bingen und im späten Mittelalter die berühmten Botaniker und Ärzte beide Nieswurz-Arten als "Radix (Rhizoma) Hellebori" in ihren Arzneischatz auf. Die Substanzen der Pflanzen sollten in kleinsten Gaben auf den gesamten menschlichen Organismus, besonders auf die vegetativen Organe, eine stimulierende Wirkung haben und die Tätigkeit des Darmes, der Gefäße und Nerven anregen. Die Ärzte und Botaniker Matthiolus und Camerarius (1563) meinten:

“Schwartze Nieswurtz oder Christwurtz purgirt vnd treibt ausgenglich durch den stulgang allerley feuchtigkeit/ jnsonderheit aber die gallen vnd zähen schleim. Soll aber denen fürnehmlich geben werden die mit der fallenden sucht belestigt sindt / jtem die mit schwerer vnd vnnatürlicher fantasey oder melancholey umgeben. Deßgleichen die mit dem Podagra krampff/ feber quartan wassersucht vnd malatzey gekrencket sindt. Christwurtzel bey den weinstöcken gepflanzt / gibt dem wein ein angeborne art zu purgiren. Schwartze Nießwurtz in alte schäden oder rorlöcher gepuluert / reinigt dieselbe wunderbarlich. Schwartze Nießwurtz zerstoßen mit essig vermischt vnd pfasterßweise vber alle bösen grinde räude/ flechten/ vnd malatzey gelegt / tödtet dieselbige vnd heylet sie. Ist auch gutt / allso benützt / zu etzen / vnd faul Fleisch zu verzerren. Schwartze Nießwurtz tödtet auch die leuse."

Der Botaniker Hieronymus Bock (1498 1554) beschreibt die Wirkung der "Frauenwurtz" 1539 in seinem berühmten "New Kreutterbuch":

"Schwartz Nießwurtz in der frawen gemächt gethon, fordert die Zeit mit gewalt, soll auch mit sorgen genützt werden ".

Der "Vater der Ärzte" Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim berichtete, daß man mit der giftigen Pflanze, die Rindvieh, Pferde und Schweine tötet, so sie dieselbige fressen, auch menschliche Wohnungen wie auch Schafe reinigen könne, indem man einen Zauberspruch absinge. Er führt weiter aus, daß man die Pflanze, die "Henneplume" oder "Hühnerwurz" keinesfalls ins Haus oder in den Stall bringen dürfe, da sonst die Hühner keine Eier mehr legen würden.

Wirkstoffe der Helleborus-Arten

Die berühmten Ärzte und Botaniker der Antike, wie auch ihre Kollegen im Mittelalter wußten um die Giftigkeit und Gefährlichkeit der Nieswurz und, daß eine stärkere Dosis bei den Patienten Unterleibsschmerzen, Erbrechen, Erschlaffen und meistens den Tod bewirkte, denn alle Pflanzenteile der Helleborus-Arten, wie auch die daraus hergestellten Pulver, Essenzen usw. waren hoch giftig. Die widerlich riechenden Rhizome der Nieswurz rufen in getrocknetem und pulverisiertem Zustand im Munde einen unangenehmen, scharfen, bitteren Geschmack, heftiges Brennen und Gefühlslosigkeit hervor. Die Wirkstoffe, die hierfür verantwortlich sind, bestehen aus zwei Glycosiden: dem aus der Wurzel isolierten, bitter-süßlichen Digitalis-Glycosid Helleborein und dem Saponin-Glycosid Helleborin (Narcoticum, Drasticum). Außerdem enthalten die Rhizome der Grünen Nieswurz das in getrocknetem Zustand geschmacklose, in Weingeistlösung brennend scharf schmeckende, stark herzwirksame Hellebrin und weitere Alkaloide. In der Schwarzen Nieswurz fehlt das Hellebrin, dafür findet sich in der Pflanze das für Haut und Schleimhäute heftig wirkende Reizmittel Protoanemonin. Das resorbierte Gift führt beim Menschen zu schweren Störungen des Nervensystems. Helleborus-Pflanzen enthalten auch das sehr stark giftige Hellebrigenin, Aconitsäure, fettes und ätherisches 01, Stärke, Kalziumphosphat und in Stengeln, BIättern und BIüten das Ranuncosid. In der Homöopathie werden auch heute noch Wirkstoffe aus dem getrockneten Wurzelstock "Rhizoma Helleborinigri" der Helleborus-Arten gewonnen und zu einer Urtinktur (auch D1 -D4) gegen Kreislaufschwäche, Meningitis, Bronchitis, Epilepsie und Nervenleiden verarbeitet. Das reine Hellebrin gilt als gut verträgliches Herzmittel, vor allem bei einer Insuffizienz und bei tachykardischen Dekompensationszuständen. Für die in früheren Zeiten übliche Anwendung als Drasticum (stark wirksames Abführmittel), als Lokalanästheticum (lokales Betäubungsmittel, als Anthelminthicum (Wurmmittel) und Emeticum (Brechmittel) gibt es heute weniger gefährliche und schonender wirkende Medikamente.


Nieswurz-Arten in der bäuerlichen Tierheilkunde

Wegen der erkannten gefährlich-giftigen Eigenschaften wurde "Radix Hellebori" später nur noch in der Veterinärmedizin, z.B. bei Lungenerkrankungen der Pferde zum Purgieren, bei Staupe der Hunde angewendet. Die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis) fand bereits vor 2000 Jahren gegen Milzbrand beim Weidevieh Anwendung. Caius Secundus Plinius erwähnt in seiner "Historia naturalis" im 1. Jhdt. n. Chr. Die Anwendung von Helleborus gegen eitrigen Nasenfluß bei Schafen und Lugtieren. Seit alters her spielte die Pflanze auch bei uns bis in die jüngste Zeit hinein in der bäuerlichen Tierheilkunde eine bedeutsame Rolle. Viele volkstümliche Pflanzennamen machen das deutlich. So heißt die Grüne Nieswurz in Kärnten auch "Schelmros’n" = gegen den Rauschbrand, den "Viehschelm" verwendet. Auch der Name "Schelmwurz" weist auf diesen Gebrauch gegen Viehseuchen, von denen man annahm, daß sie von Dämonen, Schelmen, ausgelöst wurden, hin. Zu den Viehseuchen, die mit der Grünen Nieswurz, mit "Schelmerwurzeln", der "Schelmrose", der "Schweine-Schwarzwurzel ", mit "Swinkrud" oder "Feuerkraut" (Westpreußen), mit der "Güllrose" oder dem "Saubleaml" behandelt wurden, gehört vor allem der Schweine-Rotlauf, Ein bayerischer Landwirt berichtet im Jahre 1906:

"Wenn bei uns ein Schwein den Schelmer hat, so wird ihm derselbe gestochen. Man nimmt ein Schelmerwürzel, fährt mit diesem an einem Ohr des kranken Tieres in der Mitte desselben ringsherum, macht das Kreuzeszeichen und spricht: "lm Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit". Dies tut man dreimal. Hierauf nimmt man die Schuhahle, sticht in der Mitte des mit dem Würzel gezeichneten Ringes ein Loch und steckt das Würzel hindurch. Das Ohr schwillt bald auf und der runde Teil, den man mit dem Würzel bezeichnet hat, fällt mit der Zeit heraus, sodaß im Ohr ein Loch entsteht."

Die Wirkung, die von dieser Prozedur mit der Helleboruswurzel ausgeht, ist sehr heftig: Das derart behandelte Gewebe entzündet sich schnell, verfärbt sich dunkel und stirbt ab. Medizinisch gesehen, ist diese herbeigeführte "Heilentzündung" unbestritten, ob beim Schweine-Rotlauf jedoch von Erfolg, bleibt dahingestellt. Übrigens wurde diese Prozedur auch bei Kälbern in ähnlicher Weise, jedoch an der Wamme des behandelten Tieres angewendet. Auch hier sollte die unter die Haut gestochene Helleborus-Wurzel die Krankheitsstoffe aus dem Tier herausziehen. Der römische Landwirt und Ackerbauschriftsteller Junius Moderatus Columella, der 60 n. Chr. in seinem 12 Bücher umfassenden Werk "De re rustica" ein umfassendes Bild des Landbaus und der Viehzuch seiner Zeit malt, berichtet, daß Hirten in Latium ein ausgezeichnetes Mittel gegen Viehseuchen, die Wurzel "consiligo", kennen. Er beschreibt auch deren Anwendung, die gleiche Prozedur wie oben dargestellt. Vermutlich ist die Wurzel "consiligo" mit der Wurzel von Heleborus viridis identisch, denn die Grüne Nieswurz wächst auch im mittleren Apennin, wo sie auch "Rose des Waldes" genannt wird. Auch aus Ost- und Westpreußen ist diese Prozedur bekannt, die von den Bauern angewendet wurde, sobald der Schweine-Rotlauf in ihrer Gegend auftrat. In ähnlicher Weise verfuhr man übrigens in alten Zeiten mit den "Am schwarzen Tod" erkrankten Menschen zur Behandlung der Pestbeulen. In den Ostalpen wurde die Grüne Nieswurz, das "Krätz’nbleamerl" über Jahrhunderte äußerlich gegen die Krätze beim Vieh gebraucht. Mit einer Abkochung des Krautes rieb man auch Tiere ein, die von Läusen geplagt wurden. Wegen ihrer Verwendung als Heilmittel für Tiere wurde die Grüne Nieswurz früher auch kultiviert. Als Tierarzneimittel zog man damals auch

die Hecken-Nieswurz (Helleborus dumetorum, ssp. dumetorum) in Bauerngärten.

Helleborus-Gift als Kriegsmittel

Die Vergiftung des Trinkwassers in Quellen, Bächen und Brunnen einer belagerten Stadt galt in früheren Jahrhunderten als bequemes Mittel, Feinden Schaden an Leib und Leben zuzufügen, eine befestigte Stadt zur Aufgabe zu zwingen. Die wohl älteste Kunde einer solchen hinterlistigen, meuchlerischen Tat stammt aus der Zeit um 600 v. Chr. In Pausanias Werk "Graeciae descripto, lib. X, cap. XXXVII" heist es:

"Salon hatte empfohlen, das kirrhaische Gebiet dem Sonnengott Apollo zu heiligen, um einem Orakelspruch zu genügen. In dem gegen Kirrha ausgebrochenen Kampfe ließ er das FIüßchen Pleisthenes, das in einem Kanal durch die Stadt ging, davon ableiten. Die Belagerten halfen sich mit Brunnen- und Regenwasser. Nun ließ er viele Wurzeln von Helleborus, der reichlich und in bester Beschaffenheit in Antikyra in Phokis wuchs, in den Pleisthenes werfen, und als er glaubte, das Wasser habe genug Gift daraus extrahiert, ließ er es weiter in den Stadtkanal lau fen. Nachdem die Kirrhaier, erfreut über den Wasserzufluß, reichlich davon getrunken hatten, bekamen sie so heftige, unaufhörliche Durchfälle, daß sie die Bewachung der Mauern aufgeben mußten. So unterlagen sie."
Zu erwähnen wäre auch, daß das Gift der Schwarzen Nieswurz im 18. Jahrhundert auch in "Feuerkugeln", in Geschossen, "zur vergifftung des luffts“ (der Atemluft der feindlichen Soldaten) -angewendet wurde. Erst seit dem Haager Abkommen von 1899 ist es laut §23 verboten, FIüsse, Brunnen, Wasserleitungen durch Infektionsstoffe irgendwelcher Art zu vergiften.

Helleborus eine Pflanze der Dichter und Denker

Auch in der antiken Dichtkunst wurde Helleborus berühmt: so u.a. in den Satiren "de arte Poetica, 2, 3, V. 82 " des Klassikers der lateinischen Dichtung Horaz. (65 bis 8 v. Chr.) und in den Werken "Epist. ex ponto 4, 3, V. 53" des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. bis ca 17 n. Chr.). Horaz empfahl, die Droge aus der Nieswurz Geizhälsen in großer Menge zu verabreichen. Er bezweifelte aber, ob dazu genug Nieswurzpflanzen wüchsen. Auch für uns hat die Gattung Helleborus eine wichtige botanische und zugleich historisch-kulturelle Bedeutung: Diese Pflanzen veranlaßten den großen deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe zu der geistreichen Idee und seinem berühmt gewordenen Werk "Metamorphose der Pflanzenorgane" (Metamorphose bedeutet: die im Laufe der Stammesgeschichte erfolgte Umgestaltung, Verwandlung eines Grundorgans in ein anderes Organ, das dem ersteren morphologisch gleichwertig ist, jedoch anders aussieht und eine andere Funktion hat., z. B. Dornen, Ranken, Schuppen usw. =umgewandelte BIätter).

Zur Botanik der Schneerosen (Helleborus niger), Schwarze Nieswurz.

Schneerosen, zur Familie der giftigen Hahnenfußgewächse gehörend, sind 15 bis 30 cm hohe ausdauernde Kräuter mit einem kräftigen, schwarzen Wurzelstock (Rhizom). Die Stengel sind meist unverzweigt, ohne Laubblätter, oben mit 1-3 blassen Hochblättern versehen. Die häufig wintergrünen, ledrigen, grundständigen Laubblätter sind gestielt, fußförmig geteilt ("Hahnenfuß"), am Rande gezähnt. Die Pflanzen tragen ansehnliche weiße, im Verblühen oft rötlich oder grünlich überlaufene Blüten. Diese sind "schraubig" gebaut, der "Schauapparat" wird von 5 Kelchblättern gebildet. Die Kronenblätter sind röhrig-trichterförmig, im Zentrum stehen zahlreiche Staubblätter. Die nach der BIüte erscheinenden Früchte sind seitlich zusammengedrückte Balgfrüchtchen. Die Samen besitzen einen Ölkörper (Zucker, Glucose, Fruktose, Fett und Vitamin C) und werden bei den bei uns wachsenden Helleborus-Arten von Ameisen verbreitet (Myrmekochorie). Die Gattung Helleborus umfaßt etwa 22 bis 25 Arten, die vor allem in Südost- und Südeuropa, in Kleinasien und Kaukasien, ein bis zwei Arten auch in West-China vorkommen. In den Alpen sind die Schneerosen relativ selten. Sie bevorzugen dort montane bis subalpine Mischwälder, besonders Fichten-Tannen-Buchenwälder auf kalkhaltigen, lockeren Steinböden, sie kommen auch in Kiefernwäldern, auf Lehm- und Moderböden vor. Ihr Haupt-Verbreitungsgebiet sind die nördlichen und südlichen Kalkalpen bis etwa 1560 m. In den Buchenwäldern der Ostalpen sind die Schneerosen oft mit dem Alpenveilchen (Cyclamen purpurascens) vergesellschaftet. Die Schneerose ist die wohl bei uns bekannteste Helleborus-Art. Wegen ihrer frühen BIütezeit, oft schon um Weihnachten herum, heißt sie schon im 13. /14. Jahrhundert "Christeswurtz", um 1500 "heiligen-cristwurtz", später "Weihnachtsbloom", "Weihnachtsrose", "Winachtsblueme" (Schweiz), "Winterrose", "Schneerose", "Schneekannerl". Da sie auch zu christlichen Festen, vor allem zum Christfest und zu Ostern, in Kirchen als Schmuck des Altars verwendet wird, trägt sie auch den volkstümlichen Namen "Unser Herrgotts-Bluome", "Auferstehungsblume". Im Kanton Schwyz wird die "Chilchrose " oder " Üse-Herrgottsbluem " in Kinderkränze gewunden, die bei der Christi-Himmelfahrts-Prozession getragen werden. Beliebter Festtagsschmuck ist die Christrose auch beim Fronleichnamsfest. Etwas ungewöhnlich erscheint der Name "Wendewurz". Er findet seine Erklärung darin, daß die Pflanze zur Wintersonnenwende blüht. Dieses "BIühen im Schnee" ist wohl auch der Ursprung vieler Erzählungen, Legenden und Gedichte gewesen von Rosen, die mitten im Winter bei Schnee und Eis auf freiem Felde oder im Walde blühend angetroffen wurden:

"Wenn über Wege, tief beschneit,

Der Schlitten lustig rennt,

Im Spätjahr in der Dämmerzeit

Die Wochen im Advent,

Wenn aus dem Schnee das junge Reh

Sich Kräuter sucht und Moose:

BIüht unverdorrt im Frost noch fort

Die weiße Weihnachtsrose.

(H. Ling)

Die Grüne Nieswurz (Helleborus viridis), auch "Schweine- oder Schwarzkümmel", " Lauskraut", "Güllkraut", "Güllkräut’l "Gilwurz" genannt, wächst in frischen, lichten Wäldern auf meist kalkreichen, humosen Böden in der collinen bis montanen Höhenstufe. In Südtirol steigt sie bis 1600 m Seehöhe auf. Der Haupt-Verbreitungsraum liegt in Süddeutschland in den Alpenrandgebieten. Darüber hinaus gibt es etliche "verwilderte" Vorkommen, da die Grüne Nieswurz seit alters her als Tierheilpflanze in Bauerngärten und in KIöstern angebaut wurde und später verwilderte. Als Kulturrelikt aus dem Mittelalter ist die Grüne Nieswurz auch gebietsweise in Kärnten als "Burgenpflanze" eingebürgert, bzw. verwildert. Es ist bekannt, daß diese alte Heilpflanze auch fester Bestandteil alter hessischer, auch ost- und westpreußischer Bauerngärten gewesen ist. Der Name Grüne Nieswurz leitet sich von den fünf grasgrünen bis leicht blaßgelben Kelchblättern ab. Die Kronenblätter der auf einem kantigen Stengel sitzenden, 3 bis 7 cm im Durchmesser großen, zuweilen leicht nickenden BIüte sind zu kurzen, trichterförmigen Nektarien umgewandelt.


Die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus)

ist im Mittelmeergebiet beheimatet. Als Florenelement ist sie vor allem in Nordbayern und Südwest- Deutschland anzutreffen.. Diese Helleborus-Art ist von Frankreich aus bis in die Schwäbische Alb und in den Oberrheingraben vorgedrungen. Als Zier- und Volksarzneipflanze wurde sie gelegentlich kultiviert. In Österreich ist sie nach Adler et al. im Raume von Wien eingebürgert. In wintermilden Klimalagen wächst sie zerstreut in krautreichen Eichen- und Buchenwäldern, an Waldsäumen auf kalkreichen humösen Lehm- und Lößböden. Die Stengel der Pflanze tragen meistens mehr als 10 kleine BIüten. Die glockig-hängenden BIüten dieser unangenehm riechenden Pflanze sind unscheinbarer und farbloser als die der anderen Nieswurz Arten, sie sind grün und haben einen rötlich-braunen Rand. Die Pflanze trägt vom Grunde an wintergrüne BIätter, sie unterscheidet sich von anderen Nieswurz-Arten vor allem durch ihre verholzten Stengel, die oben ganzrandige, ovale BIätter tragen und den unangenehmen Geruch.

Die Hecken-Nieswurz (Helleborus dumetorum, ssp. dumetorum) hat ihr Hauptverbreitungsgebiet in Ost- und Südosteuropa. In den pannonischen Gebieten Österreichs (östliches Niederösterreich, Wien und nördliches Burgenland) ist die sehr seltene Pflanze nach Adler et al. gefährdet und vollkommen geschützt. Sie wächst in Auwäldern in der collinen bis untermontanen Stufe und wurde wie die Grüne Nieswurz einst als Tierarzneipflanze in Bauerngärten kultiviert, von wo aus sie in Obstgärten und Wiesen verwilderte. Die Stengel der Pflanze sind meist 3-6-blütig, die Perigonblätter schmal-eiförmig, eher unscheinbar, sie überlappen sich in der Regel nicht. Die Spreite der unteren Laubhlätter ist im Umriß fast kreisrund.

Christrosen begehrte Gartenpflanzen

Vor langer Zeit schon hat die beliebte Christrose auch Einzug in unsere Gärten gehalten. Heutzutage gibt es viele Gartenformen, Neuzüchtungen und Kreuzungen mit südländischen Helleborus-Arten. Sehr begehrt sind die "Orientalis-Hybriden", die rot bis rosa und violett blühenden Arten, so die Purpurrote Christrose (Helleborus abchasicus), die Violette Nieswurz (Helleborus purpurascens), desgleichen die gezüchteten Hybriden mit gesprenkelten Perianthblättern.

Alle bei uns in den Alpen wild vorkommenden Helleborus-Arten sind gefährdet und deshalb vollkommen naturgeschützt!

Helfen wir mit, diese uralten und wunderschönen Pflanzen vor der Ausrottung zu bewahren, machen wir uns die Gedankengänge des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte zu eigen:

"Tief verächtlich ist es, der weisen Natur nicht zu achten. Lieben muß man sie wohl nicht. Ein Frevler aber, der Blumen zertritt".


Bibliographie:

Adler et al. Exkursionsflora von Österreich, 1994

Buff et al., Giftpflanzen in Natur und Garten, 1988

Hegi, Flora Mitteleuropas, 1926

Kohlhaupt, Alpenblumen, 1967

Lagerlöf, Die schönsten Legenden, 1978

Lewin, Die Gifte in der Weltgeschichte, 1920

Pieper, Volksbotanik, 1898

Roth et al. Giftpflanzen-Pflanzengifte, 1994

Schiffner, Monographia Helleborum, 1889

Verfasser:

Eitel-Friedrich Scholz

St. Daniel 18

A 9635 Dellach / Gail

 

Foto: Sepp Lederer