Seidelbast Drucken

Liebliche Daphne - des Teufels Strauch

Selten wurde eine Pflanze von Menschen so gelobt, zugleich aber auch so geschmäht wie der Seidelbast.

Das wird ersichtlich, wenn man die vielen volkstümlichen Namen dieses zierlichen Strauches deutet. Bereits bei den alten Griechen erhielt diese Pflanze wegen ihrer lorbeerähnlichen BIätter und BIüten den sicher auf einem Irrtum beruhenden, aber bis heute gültigen botanischen Namen Daphne = Lorbeer.

Ein Pflanzenportrait von Eitel-Friedrich Scholz

Leonhard Fuchs, der Vater der Botanik, schrieb in seinem Kräuterbuch im 16. Jht.:

" Zeiland würdt von ettlichen auch Zeidelpast genennt / auff Griechisch vnnd Lateinisch Daphnoides / vnnd zu unsern zeiten Laureola (Lorbeer) / darumb das er der gestalt nach / sonderlich an den blettern vnnd der frucht / dem Lorbeerbaum gleich ist / wiewohl die bletter seind ettwas linder / die Frucht auch kleiner."

In der griechischen Mythologie ist Daphne die weibiiche Personifikation des dem Apoll heiligen Lorbeerbaumes. Der Sage nach flüchtete die liebliche Nymphe Daphne, die Tochter des Flurgottes Peneus, vor dem allzu aufdringlichen Liebeswerben des Sonnengottes. Auf ihr Flehen hin an die Götter wurde sie von der Erde aufgenommen und in einen Lorbeerbaum verwandelt.

"Jetzo sagte der Gott Apollo: da du mein

Als Gattin nicht sein kannst,

Wenigstens sei als Baum du die meinige!

Immer umwind uns

Du das Haar und die Leier und du den Köcher,

O Lorbeer!"

Ovid

Der Baum neigte daraufhin seine Zweige und bewegte die dichtlaubige Krone zum Zeichen, daß er dem Gott Apollo willfahren wolle. Unzertrennlich waren fortan Apollo und der Lorbeerbaum.

Die Alten erzählen auch, es glühe ein verborgenes Feuer im Lorbeer, das Apollo dem Baume durch seine Küsse eingehaucht habe.

Diese alte Sage diente einst als Motiv für attische Vasen und alte pompejanische Wandbilder.

Wenn oft schon nach der Schneeschmelze oder gar im Februar aus dem Schnee heraus die zarten rosa-violetten BIüten des Seidelbast leuchten, ist der Frühling nicht mehr weit. Der 30 bis 150 cm hoch werdende Strauch fällt besonders dadurch auf, daß die BIüten noch vor den BIättern erscheinen. J. Muth dichtete:

"Blüten schmücken dich schon,

Noch ehe die BIätter dich kleiden;

Ungestielt an den Zweig schmiegen

Die Blumen sich an.

Röschen ahmtest du nach

Und Hyazinthen an Farbe,

Jenen und diesen an Duft;

Beides verführet den Sinn.

Gärten zieret dein Schmuck.

Doch bist du bekannt durch die Schärfe

Durch den betäubenden Duft,

Durch die gefährliche Frucht."

Duft und Gift

Der starke Duft und die lebhafte Farbe der BIüten des Seidelbasts locken schon im zeitigen Frühjahr viele Insekten, vor allem Bienen aus ihrer Winterruhe. Diesen Wert erkannten bereits in früheren Jahrhunderten die Zeidler = Imker, Bienenzüchter. Sie gaben dem Strauch auch den mhd. Namen "Zidelbast", "Zeiland" oder "Zilland" (Steiermark), "Seidlbam" und "Zillingsbeer" (Oberösterreich). Die pfirsich- bis rosenroten BIüten entwickeln oft einen derart betäubenden Duft, daß dieser bei empfindlichen Personen leichte Kopfschmerzen, Gereiztheit, gelegenlich sogar Nasenbluten hervorrufen kann. Bereits vor Christi Geburt war den Menschen auch die enorme Giftwirkung der Pflanze, vor allem der rot leuchtenden Beeren bekannt. Die Beeren und der Bast erzeugen in Mund und Hals ein brennendes Kratzen, Durstgefühl, Erbrechen, Durchfall, Anschwellen der Mundschleimhäute, in schweren Vergiftungsfällen narkotische Nebenwirkungen mit Schwindel, Betäubung, Krämpfen und Tod. Bereits kleine Wunden im Mund können verhängnisvoll werden. 10 bis 12 Beeren sollen beim erwachsenen Menschen den Tod herbeiführen. Auch Säugetiere unterliegen diesem Gift. Nur Vögel können die Beeren schadlos fressen und helfen dadurch mit, die Pflanze über die unverdaulichen Samen zu verbreiten.

Die Botaniker und Ärzte der Antike wie Theophrastos , Hippokrates und Dioskurides berichten von der Giftwirkung des Seidlbast. So nimmt es kein Wunder, daß sich diese in vielen volkstümlichen Bezeichnungen widerspiegelt: "Kellerhals" Quälerhals (mhd. queln, quälen, martern), "Päperbluome, Pfefferstaud'n, Wilder, spanischer Pfeffer, Teufelsstrauch, dem Teufel sein Anbiß, Schlangenbeer und Schlangenholz" (Kärnten), "Wolfsboss" (Steiermark), "Giftbäumli" (St. Gallen), "Giftberi" (Graubünden), "Huhnertod" (Böhmerwald). In Rußland erhielt die Pflanze die Bezeichnungen "Wolfsbast" und "Wolfsbeer". 6 Beeren sollten nach Angaben des schwedischen Naturforschers Linne für einen Wolf tödlich sein. Aus Rußland ist auch der Name "Kauden Bast" bekannt. Diese Aufforderung diente dazu, einem Widersacher durch das Brennen im Mund und Erbrechen beim Kauen eines kleinen Stückchens des seidenartigen, weißen, zähen Rindenbasts zu schaden, ihn "anzuführen" In nassauischen Landen trägt der Seidelbast die unrühmliche Bezeichnung "Elendsbluht" = Elendsblüte. Aber auch solche Bezeichnungen wie "Rauschbeer (im Bömischen), "Kopfpeinsblume" (im Rheinischen), "Grimbeere" (Oberbayern) sind überliefert.

In vielen Gegenden wurde die Giftwirkung der Pflanze auch nutzbar gemacht. So diente die Pflanze , das "Lausbleaml" in Niederösterreich zum Vertreiben von Ungeziefer. Ein Essigaufguß von Seidelbast wurde auch als Mittel gegen Kopfläuse beim Menschen verwendet. "Krätzkraut" nannte man die Pflanze in der Slovakei. Schon Hieronymus Bock nannte den Seidelbast in seinem berühmten Kräuterbuch von 1551 "Läußkraut"

Anderen volkstümlichen Bezeichnungen liegt die BIütenfarbe des Seidelbast: "Ziegelbast", "Ziaglasbeer (Niederösterreich), die früh BIütezeit:" Märznägele "(Lothringen)", Charfreitagsblume "(Riesengebirge), oder die entfernte Ähnlichkeit mit anderen Pflanzen: "Waldveigl"( im Salzburgischen), "Krallebömke" (Niederrhein), "Wilde Neegelcher" ( Hunsrück), "Wilder Holler" (Südböhmen) zugrunde.

Der aus den Beeren, Laubblättern und der Rinde des Seidelbast durch Sieden gewonnene Farbstoff "Daphnitin" diente einst in der Färberei als Beizenfarbstoff. Zusammen mit Zinn erhielt die gebeizte Wolle einen blaßgelben, mit Chrom und Aluminium einen olivgelben und mit Eisen einen olivschwarzen Farbton. Aus den Beeren wurde auch eine schöne rote Malerfarbe gewonnen, der "Pfeller" ( Bez. in Bayern). Unter Pfeller (ahd. phellol) verstand man Seidenzeug von glänzend roter Farbe. Die Beeren wurden im Norden sogar zur Herstellung eines alten Schminkmittels genutzt.

Der Seidelbast - eine einstige Heilpflanze

Trotz des gefährlichen Gifts gebrauchte man früher die Beeren und den Bast des Seidelbastes in Haushalt und Medizin. So wurden in Norddeutschland die Früchte des "Pfefferstrauchs" zum Scharfmachen und Würzen des Essigs verwendet. Als "Cortex mezerei" fand die im Frühjahr von stärkeren Zweigen abgezogene Rinde des Seidelbasts Aufnahme als Heilmittel. Im Jahre 1676 wurde sie als Droge unter dem Namen "Thymelaea" (von Thymelaea'ceae Seidelbastgewächse) in der Ulmer Pharmakopoe angeführt. Auch ein Extrakt aus 70 Teilen Rinde und 100 Teilen Alkohol wurde als "Extractum mezerei fluidum" innerlich gegen rheumatische, gichtige Beschwerden, gegen syphilitische Erkrankungen, äußerlich als Hautreizmittel bei Umschlägen verwendet. Später nahm sich auch die Homöopathie der Seidelbastrinde als Heilmittel "Mezereumessenz" gegen Syphilis, Flechten, Magenkrebs und Knochenfraß an. Die Essenz wurde auch als Purgiermittel (Abführmittel) verordnet.

Inhaltstoffe aller Seidelbastarten sind das hochgiftige Daphnin und das scharfe Mezerein (ein Harzstoff). Die Bezeichnung "mezereum" geht wohl auf das latinisierte arabische Wort mazerium = töten zurück.

Der Seidelbast in Legenden und Sagen

Es ist nicht verwunderlich, daß der Seidelbast infolge der früher schon bekannten teils stark giftigen, andererseits auch heilbringenden Wirkung in den Sagenkreis einbezogen worden ist.

Eine alte Sage im Berner Oberland, wo der Seidelbast in der Volksmythologie als verhext gilt, aber auch zum Auffinden von Schätzen dient, wird berichtet, daß ein auf einer Wiese spielendes Zwergenkind von Bergbauern, die bei der Mahd waren, gefangen genommen wurde, um ihm Geheimnisse zu entlocken. Da sei am Wardrande der Zwergenvater erschienen und habe seinem Sohn zugerufen:

"Sie mögen dich ertränken / Sie mögen dich erhenken/ Sie mögen dich erstechen / Die Arm'und Beine brechen / Fürcht weder ihre Macht noch List / Doch sag nicht, wofür der Zeyland ist !"

Der Legende nach war der Zeiland einst ein stolzer Baum mit süßen Früchten. Aus seinem Holz soll dann aber das Kreuz des Herrn gezimmert worden sein. Dafür traf den Baum dann der Fluch: er verkümmerte zu einem kleinen, unansehnlichen Strauch mit giftigen Beeren. Bei Thiengen und Waldshut steckte man Zeyland, der an Maria Himmelfahrt geweiht ist, an den Kummet, damit die Hexen das Fuhrwerk nicht bannen können. Eine andere Mär berichtet: "Wirft man Beeren des Zeiland der Nachbarin heimlich unter das Herdloch, so kann sie nicht mehr ordentlich kochen, alle Speisen brennen solange an, bis sie die Asche mit den darin befindlichen verbrannten Beeren aus dem Herd entfernt hat". Die nordischen Germanen hatten den Zeiland ihrem Kriegsgott Tyr geweiht und nannten ihn "tyrvidhr"

Ein wenig Botanik

Der Echte Seidelbast (Daphne mezereum), auch Gewöhnlicher Seidelbast, Kellerhals genannt, gehört der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae) an. Es ist ein Strauch mit korkigen, an den Zweigspitzen beblätterten rutenförmigen Ästen. Die Holzteile der Pflanze sind von einer braun-grauen bastigen Rinde überzogen. Die spiralig aufsteigenden, kurzgestielten, verkehrt-eilänglichen sommergrünen BIätter sind ca 8 cm lang, 2 cm breit, am Rande flaumig bewimpert. Die Blattfarbe ist oberseits grün, unterseits grau-bläulichgrün. An den Zweigspitzen trägt die Pflanze rosenrote, strahlige, betäubend duftende BIüten, die meist zu dritt, seten zu zweit oder auch einzeln angeordnet sind. Die scharlachroten Früchte sind Iänglich-eiförmig, sehr saftig und wie alle Pflanzenteile stark giftig. Der Gewöhnliche Seidelbast ist eine euro-sibirische Waldpflanze, die tiefgründige, etwas feuchte Böden in schattigen Laubwäldern bevorzugt. In den Alpen besiedelt der kalkliebende Zwergstrauch Laubwälder, Hochstaudenfluren, auch feuchte Zwergstrauchheiden, Legföhren- und Grünerlen-Gebüsche in der submontanen bis subalpinen Höhenstufe. Man kann ihn auch vereinzelt auf Blockhalden und Matten bis über 2500 m, besonders auf Kalkböden finden.

Verwandte, in den Alpen vorkommende Seidelbastarten

Kahles Steinröserl, (Daphne striata), Steinröslein, Bergröslein, Bergros'n, Gestreifter Seidelbast Das Steinröserl wächst gruppenweise bis bestandbildend auf steinigen, trockenen Boden in lichten, sonnigen Nadelwäldern. Es besiedelt aber auch Legföhrengebüsche, Zwergstrauchheiden, steinige Magerrasen und Felsschuttfluren bis über 2500 m. Diese Pflanze der subalpinen bis alpinen Höhenstufe ist in Kärnten relativ selten.

Das Kahle Steinröserl ist ein niedriger, nur 10 bis 35 cm hoch werdender buschiger Strauch mit gabelig verzweigten Ästen. Die giftige Pflanze hat dünnledrige, frischgrüne ca 1,6 bis 1,8 cm lange Laubblätter. In den endständigen BIütenständen sitzen 8 bis 12 kleine nach Flieder duftende hellrote BIüten. Die Perigonröhre ist oft fein Iängsgestreift "striata" gestreift. Die ebenfalls sehr giftigen Beeren sind rötlich bis tief orange-gelb.

Flaum-Steinröserl (Daphne cneorum), Heideröschen, Waldröserl,

Rosmarien-Seidelbast, Flaumiger Kellerhais

Das Flaum-Steinröserl ist ein niedriger 10 bis 40 cm hoher lockerer, doldentraubig verzweigter Zwergstrauch. Er wächst in den Alpen auf steinigen, kalkhaltigen, trockenen Böden in lichten Föhren- Wäldern und Gebüschen. Zu finden ist er auch auf Trockenrasen, im Knieholz und auf Bergmatten der collinen bis subalpinen Höhenstufe. Die Pflanze wächst herdenweise, oft bestandbildend. Ihre spatelförmigen, ledrigen, ca 1,5 cm langen Laubblätter haben oft eine zurückgebogene Spitze. Die Laubblätter sind dunkler als die vom Kahlen Steinröserl. Die endständigen BIütenstände tragen 5 bis 10 kleine hochrote, selten scheewei8e BIüten im Durchmesser von ca 1 cm. Die Früchte sind bräunlichgelb. Das ebenfalls giftige Flaum-Steinröserl kommt in Kärnten nur verstreut und relativ selten vor.

Lorbeer-Seidelbast (Daphne laureola), Immergrüner Seidelbast, Waldlorbeer

In lichten, sommerwarmen und wintermilden Laubwäldern, vor allem BuchenwäIdern und Gebüschen vorwiegend auf Kark findet man zuweilen dieses recht seltene submediterrane Element mit ozeanischen Klimaansprüchen, das bis in die submontane bis obermontane Höhenstufe der Alpen emporsteigt. Man nimmt an, daß der 40 bis 120 cm hoch werdende wintergüne, wenig verzweigte, giftige Strauch zur Tertiärzeit im Mittelmeerraum weit verbreitet war und erst durch die eiszeitlichen Verhältnisse mancherorts zum Austerben gebracht wurde. Die Laubblätter des Lorbeer-Seidelbasts sind 12 cm lang, 3 cm breit, dicklich-ledrig, mattglänzend und kahl. Die gerblich-grünen, schwach duftenden BIüten sitzen auf kurzen Stielen in blattachselständigen, überhängenden 6 bis 8 cm langen Trauben. Die Früchte sind erst grün, dann schwarz. In den Südalpen ist der Lorbeer-Seidelbast gefährdet.

Berg-Seidelbast (Daphne alpina), Weißer Seidelbast

Diese seltene Seidelbastart wächst zerstreut in lichten Föhrenwäldern, an steinigen, buschigen, besonnten Felslehnen und in Kalkgeröllhalden der montanen bis subalpinen Stufe. Der Berg-Seidelbast kam (nach Hegi) einst südlich der Drau bis Pontafel, im Römertal bei Bleiberg-Kreuth, am Loibl, unterhalb der Kosutata und bei Eisenkappel, dann erst wieder in den Julischen Alpen (Triglav-Gebiet) und in der Krain vor. Nach der Exkursionsflora von Österreich wird diese seltene, potentiell gefährdete Pflanze für Südkärnten: Karawanken und Dobratsch angegeben. Der niedrige, selten bis 50 cm hoch werdende giftige Zwergstrauch mit verzweigten, sommergrünen BIättern hat ein knorriges, schwarz- und gelblichrot gesprenkeltes runzeliges Stämmchen. Die nach Vanille duftenden, außen seidig behaarten weißen BIüten stehen in den Achseln der sommergrünen Laubblätter in 4 bis l0-zähligen, endständigen BIütenständen.

Die Seidelbastarten stehen heute wegen ihrer Seltenheit und Gefährdung unter Naturschutz!

Bibliographie:

Adler et al.,Exkursionsflora von Österreich,l994

Hegi, Flora Mitteleuropas, 1927- 1979

Kohlhaupt, Alpenblumen, 1967

Engel, Giftküche der Natur, 1972

Pieper, Volksbotanik, 1897


Verfasser:

Eitel-Friedrich Scholz

St. Daniel 18

A 9635 Dellach / Gail

 

Foto: Sepp Lederer