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Frühlingskrokus

Frühlingszauber im blühenden Auwald

Ein Pflanzenporträt von Eitel-Friedrich Scholz

Die Frühlingskrokusse (Crocus albiflorus) bedecken in unseren Auen, kaum dass der letzte Schnee geschmolzen ist, zu Tausenden den noch grasgrauen Auwaldboden. Es ist wunderschön, anzuschauen, wie sich die kleinen weißen und oft auch blau-violetten Blütenkelche entfalten, und die ersten Bienen in ihnen den Nektar suchen.

„Crocus, Spross des Morgenlandes

Seltner Gast auf Schwabens Flur,

Zeugnis ewig jungen Frühlings

Und uralter Weltkultur.

Wo izt Flocken niederwirbeln

auf die wohdurchblümte Au,

Pflanzte einst ihr Safrangärtlein

Eine kluge Römerfrau.

Saft dem Süpplein ihrer Küche,

Herzarznei für böse Sucht,

Dunkler locken Wohlgerüche

Zog sie aus der edlen Frucht.

Und im Anhauch dieser Blume

Schritt sie, wenn der Frühling nah,

Opfernd zu dem Heiligtume

Der Diana Abnoba.“

schrieb der deutsche Dichter Viktor Scheffel über den Frühlingskrokus, der hierzulande, wie viele andere, der von Spanien bis Asien verbreiteten ca. 80 Krokusarten, auch Safran genannt wird, obwohl der Echte Safran eine bei uns nicht heimische, im Herbst blühende Krokusart (Crocus sativus) ist. Dieser Krokus, eine der frühesten Kulturpflanzen der Menschheit wird auch heute noch in vielen Ländern, mancherorts auch bei uns, z.B. in Süddeutschland, zu medizinischen Zwecken und zur Safran-Gewinnung für das Würzen und Färben von Speisen "Safranreis"... angebaut.

In Kärnten beheimatet sind nur der Frühlingskrokus, auch Weißer Krokus, italienisch Zafferano alpino genannt (Crocus albiflorus) und der nur noch im östlichen Teil Kärntens vorkommende Striemen-Krokus (Crocus vittatus).

Der Pflanzenname Krokus, althochdeutsch "Chruogo, kruago", rnittelhochdeutsch "saffran", ist aus dem griechischen Wort "kroke" = Faden abgeleitet. Der in den Handel kommende, als Küchengewürz und zum Gelbfärben von Speisen und des Kuchens sehr begehrte und teure Safran wird vom Echten Safran-Krokus gewonnen, nicht aus unseren Frühlingskrokussen. Safran besteht aus der langen, fadenförmigen Narbe und dem oberen Teil des Griffels der Krokusblüte. Der deutsche Name Safran kommt vom arabischen Wort "za' faran" = gelb färben. In dem altbekannten Kinderlied "Backe, backe Kuchen" wird das deutlich:

… „Will man Kuchen backen,

Muss man haben sieben Sachen:

Eier und Schmalz,

Butter und Salz, Milch und Mehl,

Safran macht den Kuchen geel (gelb).“

Die giftige Pflanze enthält in der Narbe einen gelben, in Wasser und in Weingeist löslichen Farbstoff Crocin, auch Polychroit genannt, Picrocrozin und Safranal, außerdem ätherisches Öl, Traubenzucker und ein wachsartiges Fett. Der gelbe Farbstoff wird nur aus den Narben des Krokus gewonnen. Die Narben beherbergen nicht nur den Farbstoff sondern auch den Duft und Geschmack, die als Heilmittel wirkenden Inhaltstoffe, auch die Gifte. Der erste Pharmakologe der Antike Dioskurides (l. Jhdt. n. Chr.) schrieb in seiner "De materia medica": ...dass drei Drachmen Safran einen starken Mann töten könnten, der aber sterbe lachenden Munds".

Der Crocus sativus (sattranus), war bereits im hohen Altertum weit bekannt und auch sehr begehrt. Er diente zum Färben der Gewänder und Schuhe der Götter und Könige, der Reichen und Mächtigen - 0,1 g Safran färben 10 l Wasser noch deutlich gelb, 1-2 g genügen, um ein Kilo Wolle zu färben -.

Genutzt wurde der Krokus auch als Gewürz und zum Bereiten schöner, wohlriechender Salben. Er galt als herzstärkendes Heilmittel, und nach der alten Heilregel "similia similibus" - Ähnliches mit Ähnlichem behandeln, sollte der gelbe Safran gegen die Gelbsucht und sogar gegen die "Pestilenz" helfen (siehe Anmerkungen zur Signaturenlehre).

Lange Zeit galten die Blüten als Droge "Flores Croci", auch "Flores crocus orientalis", als innerlich verwendetes Heilmittel, als Reizmittel und Stimulans oder zur Förderung der Menstruation.

Äußerlich als Aufguss angewandt, diente die Droge als Zusatz für Augenbäder und Umschläge, auch Pflaster.

Heute findet Crocus sativus nur noch in der Homöopathie bei einer Menorrhagie (zu starke Menstruationsblutung) und Metrorrhagie (Blutungen aus den weibl. Geschlechtsorganen während der Menopause) Verwendung.

Jahrhunderte hindurch galt der Krokus für den Inbegriff alles Lieblichen in Farbe, Geruch und Geschmack. Er wurde ein Symbol für Göttliche Weisheit, für die leidenschaftliche Liebe, auch für Hoffnung und Wiederkehr, für das Vergängliche, den Tod und die Wiedergeburt. Die mythischen Helden der Antike, die Göttinnen und Götter trugen purpur- oder safranfarbene Gewänder. Der griechische Dichter Homer berichtete in seiner Ilias 19.1 - "Eos im Safrangewand , stieg auf aus Okeanos' Fluten, Göttern und Sterblichen die Leuchte des Tages zu bringen." Die goldgelben Narben des Safran-Krokus waren auch Sinnbild des Lichts, des Lebens.

Die Legende erzählt: "Als der Gott Zeus seine Gemahlin auf dem Berg Ida traf und umarmte spross neben Lotos, Hyacinthe und Veilchen auch der Krokus aus dem Boden, ein Geschenk für das Brautlager von Zeus und Hera."

In einer anderen Sage wird berichtet, dass der Krokus aus dem Blute entstanden sei, das aus der von einem Adler zerhackten Leber des am Kaukasus angeschmiedeten Prometheus floss.

In einer weiteren überlieferten Mär wird uns mitgeteilt, dass Krokos ein schöner Jüngling gewesen sei, in den alle Nymphen und Mädchen verliebt waren. Nur eine, die schöne Similake, hätte sich nichts aus ihm gemacht. Krokos sei hierob derart betrübt gewesen, dass die Götter sich seiner erbarmten und ihn und die abweisende, spröde Schöne in Blumen, Krokusse verwandelten.

Überliefert ist auch, dass der schöne Krokos von Merkur, dessen Liebling er war, aus Unvorsichtigkeit beim Diskuswerfen getötet und dann in die Krokus-Pflanze verwandelt worden sei.

Bei den alten Römern zur Kaiserzeit fand mit dem Krokus eine ähnliche sinnlose Verschwendung statt wie mit den Rosen und Veilchen - beschrieben in meinen Pflanzenportraits "Rose-Wunder aller Blumen" und "Veilchen- Liebling der Erdenbewohner".

Die "betuchten" Zuschauer im römischen Theater wurden mit einem wohlriechenden Wasser besprengt, das durch Safran duftend gemacht wurde.

Der durch sein ausschweifendes Leben und seine orientalische Günstlingswirtschaft verhasste römische Kaiser Heliogabal (204-222 n. Chr., bei einem Soldatenaufstand ermordet) badete in Teichen, die nach Safran duftendes Wasser enthielten. Seine Gäste, vor allem die Hetären Roms und er selbst, saßen bei den opulenten Mahlzeiten auf mit Safran gefüllten Kissen - Symbol des Luxus und Duft der sinnlichen Begierde, weibliches Aphrodisiakum (Liebesmittel).

Um 1 kg Safran zu gewinnen, mussten etwa 120 000 Narben des Krokus sativus geerntet werden. Wie viele gingen da wohl in ein mit Safran gefülltes Kissen ? Wie viele Safran-Narben wurden auf die "Liebeslager" bei solchen Gastmählern gestreut?

Um der Trunkenheit und den Folgen bei den Gelagen vorzubeugen, schüttete man sogar Krokusextrakte in den Wein und bekränzte das Haupt der Zecher und Hetären mit Krokuskränzen.

Der Safran-Krokus wurde im alten Rom für die beschriebenen Zwecke Jahrhunderte lang auf riesigen Feldern in Monokulturen angebaut. Doch wie bei allen Monokulturen stellten sich im Laufe der Zeit Pflanzenkrankheiten ein, welche die Bestände vernichteten. Der Krokus verlor auch die Fähigkeit, sich generativ, d.h. geschlechtlich zu vermehren, man musste die Vermehrung vegetativ, durch die Teilung der Knöllchen vornehmen.

Die Verwendung des Safrans zum Färben und zum Würzen verbreitete sich im Mittelalter über ganz Europa. Nach Spanien gelangte er durch die Araber, die Mauren, in das mittlere Europa brachten die so begehrte und überaus teure Pflanze die Kreuzritter. Weil der Safran als teure Kostbarkeit galt, wurde er sehr oft - obwohl darauf die Todesstrafe stand. -, verfälscht, u.a. mit dem Saflor (Carthamus tinctorius), "Bastardsafran", einem Distelgewächs, dessen gelbe getrockneten Blüten ebenfalls zum Gelbfärben benutzt wurden. Nach Pieper wurden sogar Holzfasern und Schwerspat darunter gemengt.

Alten Überlieferungen zufolge ließ man in Österreich den Krokus nur von Männern und Kindern einsammeln, man glaubte, dass der Safran seinen Wohlgeruch verlöre, sammelten ihn Frauen ein. Auf die große Wertschätzung, die der Krokus einst bei uns besaß, weist auch noch die alte Redensart hin: "Wat versteiht de Buer von Zaftran".

In Kärnten ist der Frühlingskrokus seit Menschengedenken unter dem eigenartigen Namen "Pataniaslan" bekannt. Bei der einst sehr armen Bevölkerung weiter Teile des Landes war es nicht jedem gegeben, für das Rosenkranzbeten einen Rosenkranz aus Perlen zu erwerben. Als Ersatz dafür wurden kleine Krokusknöllchen auf eine Schnur gezogen und zu einem Rosenkranz verarbeitet, damit man das Gebet des Herrn, das "Pater noster", "Vater unser", beten konnte. Aus dem "Pater noster" wurde das kärntnerische "Pataniasian" - eine überaus schöne und liebenswerte Bezeichnung für diesen zarten Frühlingsboten.

Die sechzähligen weißen, seltener blau-violetten Blüten des 8-15 cm hoch werdenden Frühlingskrokus erscheinen vor den Blättern. Die Blütenblätter des Schwertliliengewächses sind 4 bis 5-mal länger als breit, im Schlund leicht behaart. Die Narbe des Krokus ist kürzer als die Staubblätter. Später erscheinen grasartig die 10 bis 20 cm langen, am Rande schwach eingerollten, mit einem weiblichen Mittelstreifen versehen Blätter der Pflanze. Der Frühlingskrokus liebt im Frühling gut durchfeuchtete, nährstoffhaltige Böden.

 


Literatur:

 

Aichele, Schwegler, Blumen der Alpen, 1977; Bach, Kärntner Naturschutz-Handbuch, 1978; Beuchert, Symbolik- der Pflanzen, 1995; Engel, Die Giftküche der Natur, 1972; Fischer, Heilkräuter und Arzneipflanzen, 1947; Hartl, Turnowski, in: Die Natur Kärntens, 1976; Hartl et. al. Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Kärntens, 1992; Koch, Taschenbuch der heimischen Frühjahrsblumen, 1953; Mucina et al., Die Pflanzengesellschaften Österreichs, 1993; Köhlers Atlas der Medizinalpflanzen, 1887; Losch, Kräuterbuch, 1903; Pahlow, Das große Buch der Heilpflanzen, 1993; Passarge, Scholz, Pflanzensoziologische Untersuchungen und Bestandsaufnahmen der Vegetation in den Weichholz-Auen von St. Daniel bis Kirchbach, 1996, unveröff.; Pieper, Volksbotanik, 1897; Pritzel, Jessen, Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, 1882; Roth, Daunderer, Kormann, Pflanzengifte - Giftpflanzen, 1994

Verfasser:

Eitel-Friedrich Scholz,

St. Daniel 18

9635 Dellach

 

Foto: Sepp Lederer