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Leberblümchen

Frühlingszauber im blühenden Auwald

Ein Pflanzenporträt von Eitel-Friedrich Scholz

Das Leberblümchen, Märzenblümchen
(Hepatica nobilis, Sym Anemone hepatica, Hepatica triloba)
gibt dem Auwald mit seinen himmelblauen, seltener rosa bis roten, noch seltener weißen Blütensternen ein unnachahmliches Gepräge. Oft bedecken die "März- oder Osterblumen", die "Schneekaderl (Pfalz), "Märzenbleamerl" (Oberösterreich), "Märzglöggli" (Schaffhausen) und "Vorwitzchen" (Westfalen) ganze Flächen des noch feuchten Erdbodens unter Gebüschen der Laub- und Auwälder. Für diese üppige Verbreitung sind Ameisen verantwortlich, welche die Samen mit ihrem öl-, fett- und eiweißhaltigen Gewebeanhängsel, dem Elaiosomen (griech. elaia = Ölbaum), verschleppen. Die einzeln auf den zahlreichen, rötlichen, grundständigen Stengeln sitzenden Blüten sind ohne Nektar. Sie schließen sich nachts und bei Regenwetter. Dicht unter der Blüte befinden sich am Blütenstengel drei kelchartige Hochblätter. Das Leberblümchen hat lederartige, oben dunkelgrüne, unterseits violette, dreilappige Laubblätter. Einige von ihnen überwintern. Die neuen, zuerst seidig-, filzig-behaarten Blätter erscheinen erst zur Blütezeit und danach.

Der botanische Name des Leberblümchens Hepatica stammt vorn griech. "hepar" = Leber, triloba von griech. "treis, tria" = drei und "lobos" = Ohrläppchen. Die dreiteiligen Blätter des Leberblümchens ähneln einer Leber. Ein Teeaufguß der Blätter des "leberkruts" (rnhd.) sollte überdies ein vorzügliches Heilmittel gegen Lebererkrankungen, vor allem einer Leberverhärtung sein. Man glaubte auch, dass die drei ersten im Frühling gefundenen und verspeisten Blüten des Leberblümchens - ähnlich wie die des Buschwindröschens - das ganze Jahr hindurch von Fieber frei hielten.

Einst war man auch überzeugt davon, dass man aus Pflanzen, die einem erkrankten Körperorgan des Menschen ähnlich sahen, auch das geeignete Heilmittel dafür gewinnen konnte. Diese Auffassung bildete die Grundlage der schon aus der Antike überlieferten sogen. Signaturenlehre. Danach ist jeder Pflanze nach Form und Farbe ihrer Blätter, ihrer Blüten, Früchte und Wurzeln von Natur aus ein "Signet" aufgeprägt. Aus dem äußeren Habitus einer Pflanze meinte man auch immer auf ihre Heilwirkung schließen zu dürfen. Das waren teilweise unheilvolle Vorstellungen, denn in Anbetracht der vielen giftigen, zum großen Teil unbekannten Inhaltstoffe der Pflanzen und ihrer meist unerforschten Wirksamkeit, kam es häufig zu Fehlbehandlungen und drastischen Vergiftungen.

So meinte man z. B., dass Leber- und Gallenleiden, denen man die gelbe Farbe von Blüten oder gelbe Pflanzensäfte indizierte, auch mit solchen Pflanzen behandelt werden müssten. Heute kaum mehr vorstellbar, dass man diese Leiden mit dem gelben Milchsatt des hochgiftigen Schöllkrautes Herba Chelidonii kurieren wollte , das ähnliche Alkaloide wie das Opium enthält und ähnliche Wirkungen zeigt.

Die Signaturenlehre (lat, signum = Zeichen, Merkmal) war bereits in vorgeschichtlicher Zeit und in der Antike bekannt, Vor allem im 16. und 17. Jahrhundert hatte sie viele Anhänger. Auch Bombastus Theophrastus Paracelsus von Hohenheim (1493-1541), der "Vater aller Ärzte", verwendete die Heilmittel nach dieser Lehre. Er vertraute auf die heilsame Wirkung pflanzlicher Essenzen die er "durch Behagen von Badern und allen Weibern , bei den Gescheidten und Einfeltigen" herausfand.

Er vertrat auch die Ansicht, "Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs, so von ihr ausgeht, zu dem, dazu es gut ist".

Auch der Naturkundige Giambattista della Porta (1535-1615), der unter dem Titel "Magia naturalis" 20 Bücher über Merkwürdigkeiten aus allen Gebieten der Naturwisenschaften und ihrer Anwendungen schrieb, war ein eifriger Verfechter dieses Prinzips.

Nach dieser Lehre zeigen die äußerlichen Merkmale und Eigenschaften, u. a. Form, Farbe von Pflanzen, Pflanzenteilen, Tierteilen und Mineralien an, welche naturgegebene Arznei- und Heilwirkung in ihnen verborgen liegt.

So weist die Ähnlichkeit von Pflanzenblättern mit der Leber, so z. B. das Leberblümchen mit seinen dreilappigen, leberähnlichen Blättern, auf die Heilwirkung der Pflanze bei Leberleiden hin.

Nach dieser Signaturenlehre heilte man Herzkrankheiten durch herzförmige Blätter einiger Heilkräuter, Gelbsucht mit gelben Rüben und Safran (Krokus), Bluterkrankungen mit dem blutroten Saft des Johanniskrauts, Knochenbrüche durch die Schwarzwurz, weil ihre Blätter mit dem Pflanzenstengel zusammengewachsen sind.

Die hodenartigen Knollen der Orchideen "Knabenkräuter" wie auch der giftige Aronstab - seiner phallusartigen Form wegen - wurden als Aphrodisiaka, die männliche Potenz steigernde Mittel, benutzt.

Pflanzen mit einer kopfähnlichen Signatur wie Mohn, Zwiebel, Walnuss dienten der Behandlung von Kopfleiden, Disteln waren gut gegen Seitenstiche, Anemone, Einbeere für Augenleiden usw.

Neben den in praktischer Erfahrung gewonnenen medizinischen Erkenntnissen spielten bei solch einer Behandlung auch psychologische Effekte und magisch-religiöse Vorstellungen eine bedeutsame Rolle.

Eine Grundbedingung für den Erfolg solcher "sympathetischen Kuren" waren auch Glauben und Zuversicht des Kranken an die Wirksamkeit des Heilmittels.

Der viel beachtete Grundsatz der Homöopathie, dass Ähnliches mit Ähnlichem behandelt werde, hängt sicherlich auch mit der alten Signaturenlehre zusammen.

Der Arzt und Apotheker aus Bergzabern Theodorus Tabernaemontanus schrieb im Jahre 1731:

„… Es wird diß Kraut sonderlich gerühmt und gelobet die Leber zu stärken und sie zu öffnen / wann sie verstopffet ist / in Wein gesotten und davon getrunken.“

Auch Hieronymus Bock (1 498-1554 ), einer der drei "Väter der Botanik" schrieb in seinem 1539 in Straßburg erschienen "New Kreutterbuch" über das "Edel-Leberkraut":

„Krafft und Wirkung: Das Kraut in Wein gesotten / öffnet die verstopffte Leber und treibt den Harn /reinigt Nieren und Blasen / ist heoisam zu aller Versehrung / löscht allerley Hitz (Fieber. Dergleichen thut auch das Wasser / hiervon gebrannt.“

Das als "Herba Hepaticae" verkaufte Kraut von Hepatica nobilis enthält Saponin und das Glycosid Hepatrilobin, im Wurzelstock etwas Protoanemonin - weniger als im Buschwindröschen. Heute weiß man aber, dass das Leberblümchen keine besonderen Wirkstoffe gegen Leberleiden hat.

Das Leberblümchen, auch Haselmännich und Wolfspfote (vielleicht nach dem rau behaarten Aussehen des Krautes) genannt, wurde einst sogar als Zauber- und Räuchermittel gegen Hexen, Dämonen und Unholde benutzt. Lange Zeit - bis ins 19. Jahrhundert hinein - war es Hauptbestandteil eines Wundermittels "Warners Safe cure" gegen den Schaden, den solche Unholde anstifteten - natürlich sehr teuer, jedoch völlig wertlos.

Literatur:

Aichele, Schwegler, Blumen der Alpen, 1977; Bach, Kärntner Naturschutz-Handbuch, 1978; Beuchert, Symbolik- der Pflanzen, 1995; Engel, Die Giftküche der Natur, 1972; Fischer, Heilkräuter und Arzneipflanzen, 1947; Hartl, Turnowski, in: Die Natur Kärntens, 1976; Hartl et. al. Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Kärntens, 1992; Koch, Taschenbuch der heimischen Frühjahrsblumen, 1953; Mucina et al., Die Pflanzengesellschaften Österreichs, 1993; Köhlers Atlas der Medizinalpflanzen, 1887; Losch, Kräuterbuch, 1903; Pahlow, Das große Buch der Heilpflanzen, 1993; Passarge, Scholz, Pflanzensoziologische Untersuchungen und Bestandsaufnahmen der Vegetation in den Weichholz-Auen von St. Daniel bis Kirchbach, 1996, unveröff.; Pieper, Volksbotanik, 1897; Pritzel, Jessen, Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, 1882; Roth, Daunderer, Kormann, Pflanzengifte - Giftpflanzen, 1994

Verfasser:

Eitel-Friedrich Scholz,

St. Daniel 18

9635 Dellach

 

Foto: Sepp Lederer