Buschwindröschen Drucken

Buschwindröschen - Frühlingszauber im blühenden Auwald

Ein Pflanzenporträt von Eitel-Friedrich Scholz

Das Buschwindröschen (Anemone nemorosa)

Buschwindröschen
Du Mädchen – nein Seele nur
In blassem Mädchengesicht;
Aufblick aus Hauch und Spur
Aus Sternenlicht.

Die so zarte, anmutige Pflanze, die der Dichter Josef Weinheber so treffend beschreibt, ist einer der ersten Frühlingsboten. Die Volksnamen Schneeblume, Osterblume, Märzglöckli und Kuckucksblume beziehen sich auf die frühe Blütezeit dieses Frühjahrsblühers.

Beim leisesten Windhauche schwanken die zarten, der Heckenrose ähnlichen Blüten dieser Anemone hin und her. Wohl aus diesem Grunde gab man der Pflanze einst den schönen griechischen Namen Anemone, von "anemos" = Wind, im deutschen Sprachgebrauch "Windröschen". Schon der Botaniker Tabernaemontanus nennt die Pflanze "Windtrößlein, ... welcher name ... sehr gemein worden ist". Der Artname "nemorosa" (griech. = Hain) bezieht sich auf den Standort unter den Büschen im Hain, im Auwald. Hiernach wird die Pflanze auch "Waldröschen" oder "Holzblümli" genannt.

Die ausdauernde Pflanze hat einen waagerecht kriechenden Wurzelstock. An der oberen Hälfte des 8-20 cm hohen Stengels befinden sich drei quirlständige, lang gestielte, dreiteilige und eingeschnitten gesägte Hochblätter. Der darüber hinaus wachsende Blütenstiel trägt eine einzelne, weiße bis rosa Blüte. Sie ist etwa 2 cm im Durchmesser groß und in ihrer Knospe nickend. Die Blüte besteht aus sechs und mehr Kronenblättern. Wie auch andere Frühjahrsblüher schließen sich die keinen Nektar besitzenden Blüten nachts und bei Regenwetter.

Es nimmt nicht Wunder, dass unsere Altvorderen dieses zarte Blumengeschöpf einst verehrten und den Elfen des Waldes weihten. Wo Menschen Windröschen erblickten, stellte sich bei ihnen Freude ein. Diese Liebe und Verehrung übertrug sich in christlicher Zeit in den Darstellungen auf die Heiligen und auf Jesus Christus. Nach einer alten griechischen Sage sollen die Anemone wie auch das Adonisröschen aus dem Blute des Adonis entstanden sein.

Auch der alten Volksheilkunst war das Buschwindröschen nicht unbekannt. Es gehört zu den Pflanzen, die gegen Augenkrankheiten verwendet wurden. Daher stammt auch die Bezeichnung "Augenwurz". In anderen Gegenden wurde genau das Gegenteil behauptet: Anemonenblüten seien für die Augen äußerst schädlich, leicht bekomme man von der "Augenwurz" böse Augen.

In der alten russischen Volksheilkunde wiederum gebrauchte man nach Marzell einen Absud der Anemonenblätter als Mittel gegen die Nachtblindheit und nannte die Pflanze "Kuroslep" = der Nachtblinde.

Auch wider Kopf- und Zahnschmerzen und gegen Geschwüre nutzte man das Kraut. Der Absud der im Wasser gekochten Blätter des Windröschens sollte Ausschlag und Räude heilen.

In der Volksmedizin wurden Umschläge und Einreibungen mit zerquetschtem, frischem Anemonenkraut bei Rheuma und Gelenkleiden verwendet - oft genug Quelle von Vergiftungen. Gerstenschleim, zusammen mit den Blättern der Pflanze gesotten, gab man Wöchnerinnen zur Kräftigung.

Aus der Osterblume stellte man mit Wachs und Pech zusammengeknetet sogar eine Salbe her, die bei offenen Wunden und Hautschäden heilend wirken sollte. Die giftige Wurzel des Buschwindröschens zieht, auf die Haut aufgelegt, Blasen.

Mecklenburgische Bauern glaubten einst, dass sie das ganze Jahr über vor Krankheit, vor allem vor dem "kalten Fieber" geschützt seien, wenn sie die ersten drei Anemonenblüten, die sie im Frühling erblickten, aßen, denn eine Pflanze, die schon blüht, während der Schnee noch teilweise den Boden bedeckt, muss doch gegen Kälte und Frost gefeit sein!

Das schöne Buschwindröschen ist jedoch eine giftige Pflanze. Sie enthält in allen Pflanzenorganen die Wirkstoffe Anemonol und Anemonin. Sie sind auch für Menschen giftig und können schwere Darmentzündungen bewirken. 30 Pflanzen sollen absolut tödlich wirken. So wundert es nicht, wenn in einigen Gegenden die Namen "Giftblume" oder Giftkraut" im Umlauf sind.

In Kamtschatka sollen die Einheimischen sogar Extrakte aus dem Buschwindröschen als Pfeilgift verwendet haben. In ländlichen Gegenden wurde die Anemone nemorosa auch beim Vieh als harntreibendes Mittel genutzt. Auch dabei traten oft Vergiftungen mit Blutharnen, Magen- und Darmentzündungen auf. Da die Da die vom Weidevieh gefressenen Blumen Entzündungen der Gedärme verursachen, hieß die Anemone in Schlesien auch "Hexenblume". Nur die Geißen, die Ziegen, vergifteten sich nicht an den Anemonen, den "Geißemaie" (Schweiz).

Man glaubte auch, dass diese verhexte Pflanze als Zauberkraut einst im Zaubergarten der Hekate wuchs - in der griechischen Mythologie die Anführerin der Gespenster und Geister. Die meist dreileibig oder dreiköpfig dargestellte Allgöttin wurde von den Zauberern, Geisterbeschwörern, aber auch von den Bauern verehrt. Auch im Unterfränkischen ist der Name "Hexenkraut" verbreitet. Man deutet ihn hier jedoch als Hexenbann und stellt dort Anemonensträuße vor das Stallfenster, um die Druden, das Böse vom Stall und dem Vieh fernzuhalten. In Niederbayern ist das Buschwindröschen mancherorts die "Totenblume". Man darf sie wohl pflücken, jedoch keinesfalls in das Haus tragen, da es sonst in dem betreffenden Jahr darin einen Toten gibt.

Literatur:
Aichele, Schwegler, Blumen der Alpen, 1977; Bach, Kärntner Naturschutz-Handbuch, 1978; Beuchert, Symbolik- der Pflanzen, 1995; Engel, Die Giftküche der Natur, 1972; Fischer, Heilkräuter und Arzneipflanzen, 1947; Hartl, Turnowski, in: Die Natur Kärntens, 1976; Hartl et. al. Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Kärntens, 1992; Koch, Taschenbuch der heimischen Frühjahrsblumen, 1953; Mucina et al., Die Pflanzengesellschaften Österreichs, 1993; Köhlers Atlas der Medizinalpflanzen, 1887; Losch, Kräuterbuch, 1903; Pahlow, Das große Buch der Heilpflanzen, 1993; Passarge, Scholz, Pflanzensoziologische Untersuchungen und Bestandsaufnahmen der Vegetation in den Weichholz-Auen von St. Daniel bis Kirchbach, 1996, unveröff.; Pieper, Volksbotanik, 1897; Pritzel, Jessen, Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, 1882; Roth, Daunderer, Kormann, Pflanzengifte - Giftpflanzen, 1994 

Verfasser:
Eitel-Friedrich Scholz,
St. Daniel 18
9635 Dellach

Foto: Sepp Lederer